30. Apr. 2022

Aus Feindschaft wird Hoffnung

Dass die kleine Gemeinde Jettenbach im Landkreis Mühldorf und das französische Dorf Saint Saturnin (Region Auvergne-Rhône-Alpes) heute so eng miteinander verbunden ist, wirkt fast wie ein Wunder. Schließlich hatte der Krieg einst ganz Europa gespalten. Nach Kriegsende sollten noch viele Jahre vergehen, bis die Menschen bereit waren, sich in Frieden einander zu nähern. Seit 44 Jahren pflegt Jettenbach eine tiefe Freundschaft nach Frankreich. In den 1970ern war der Gedanke, ein in Freundschaft vereintes Europa zu schaffen. 1974 begab sich der damalige Bürgermeister eines kleinen Dorfes in der Auvergne, Gabriel Usclade, auf die Suche nach einer geeigneten Partnergemeinde aus Bayern. Er stieß auf Ablehnung, denn alle angesprochenen Gemeinden sträubten sich, eine Verschwisterung mit ihren ehemaligen Kriegsgegnern einzugehen. 1975 machte der damalige Bürgermeister aus Jettenbach, Georg Köllerer eine Informationsreise nach Frankreich. Usclade und Köllerer begegneten sich und reichten sich die Hände. Der Beginn einer großartigen Verbindung zwischen Jettenbach und der Gemeinde Saint-Saturnin.

Beide verfolgten das gleiche Ziel: Frieden und Freundschaft. Am 26. August 1978 unterzeichneten sie ihren Freundschaftsbund. Bei den Feierlichkeiten zur Verschwisterung schmückten die Jettenbacher damals ihr Dorf mit deutschen und französischen Fahnen. Wie es der Zufall will, sind die Farben Frankreichs und Jettenbachs gleich: blau-weiß-rot. Ein Jahr später besuchten 48 Bürger aus Jettenbach erstmals ihre französische Partnergemeinde. Die einhellige Meinung aller Frankreichbesucher war damals: "Das waren die schönsten Tage unseres Lebens. Wir werden das nie vergessen."

Auch wenn es Sprachbarrieren gab, funktionierte die Verständigung trotzdem. Die Freundschaftsbände wurden zusehends enger. Man wollte vor allem auch den kleinen Bürgern zeigen, wie wichtig Freundschaft ist, egal woher man kommt. Ab 1981 besuchten immer wieder schulpflichtige Kinder aus Saint Saturnin ihre deutschen Gastfamilien. Zu den Höhepunkten im Laufe der Jahre gehörten unter anderem Fahrradtouren von Saint Saturnin nach Jettenbach (Foto). Die deutsch-französischen Teilnehmer der kräftezehrenden Tour waren zwischen 15 und 60 Jahre alt. "An manchen Tagen legten wir bis zu 170 Kilometer zurück. Nach etwa 1200 Kilometern kamen wir endlich an unserem Ziel an", erinnert sich Schriftführer Michael Stork, der damals bei einer Radltour dabei war. In all den Jahren gab es immer wieder Anlässe, wo man sich traf, gemeinsam feierte und die Freundschaft pflegte.

Klar ist, dass man das Grauen der Vergangenheit nicht ungeschehen machen kann, aber man kann die Gegenwart und die Zukunft positiv zu beeinflussen. Als Zeichen der Verschwisterung gedachten die Bürger Saint Saturnin und Jettenbach gemeinsam beim Kriegerdenkmal den Opfern der beiden Weltkriege. Ziele ihrer Freundschaft sind auch die Förderung der französischen Sprache, das Kennenlernen der französischen Kultur und die Pflege der Gemeinsamkeit untereinander.

Nach 44 Jahren ist diese Verbundenheit noch immer ungebrochen, wobei auch sie unter Corona leiden musste. Treffen waren verboten, der Kontakt lag somit im "Dornröschenschlaf". Nach mehr als zwei Jahren Pandemie ist es an der Zeit, diese Freundschaft wieder in Schwung zu bringen. "Vor zwei Jahren fand in Saint Saturnin ein Bürgermeisterwechsel statt. Dort gibt es noch einiges vom Vorgänger aufzuarbeiten", sagte Bürgermeisterin Maria Maier bei der letzten Jahreshauptversammlung. Der neue Bürgermeister M. Franck Taleb wurde im Mai 2020 in sein Amt gewählt, seither gibt es für ihn einige Aufgaben zu bewältigen. Eine davon: die Freundschaftspflege. "Wir alle hoffen, dass wir spätestens nächstes Jahr unsere französischen Freunde in Saint Saturnin endlich wiedersehen können und eine schöne gemeinsame Zeit miteinander verbringen können", wünschen sich die Jettenbacher. "Vor allem hoffen wir wieder auf jungen Nachwuchs, damit diese Freundschaft niemals stirbt", setzt die Bürgermeisterin fort. (seitz)

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